Friday, 22. August 2008

Doppelbelichtungen: What's an ABBA? (Teil 1)

[Kollege Turntable hat einen kurzen Artikel über ABBA gepostet, worin er u.a. schreibt: "auch wurde von der ersten bis zur letzten single praktisch die selbe masche durchgezogen. experimentiert (sofern überhaupt) wurde maximal auf b-seiten. so kann ich mich auch nicht erinnern, je ein interview mit einem musiker gelesen zu haben, der sich auf ABBA als einfluß beruft". Nun, jedem das seine, aber ich hoffe, mit diesem Essay meine Position zur Band zu verdeutlichen und (im zweiten Teil) wenigstens das Argument mit der "selben Masche" widerlegen zu können.]

Bei den meisten Popbands zählt das Image soviel wie die Musik, wenigstens in den Augen des Publikums. Dieses ist wohl ebensosehr ausschlaggebend für die zahlreichen Genrebezeichnungen wie Nuancen von Gitarrenverzerrung. Akzeptieren wir diese Prämisse, haben ABBA keine Chance. Das grauenhafte Namenslogo mit dem umgekehrten B alleine ist so tacky wie bombastisch (der Gipfel ist wohl das Cover des Livealbums, wo ein gezeichnetes gigantisches Bühnenset aus zwei goldenen As und Bs in pseudo-3D von einer Truppe Roadies aufpoliert wird). Dann die ewige Assoziation mit Discomusik. Dann die Musicals! Vom Film Mamma Mia! ganz zu schweigen. Und die Outfits. Hautenge Jeansanzüge, Polyesterkleider, bis zum Bauchnabel offene Hawaiihemden und Goldkettchen. Zügellose Hingabe zu jeder modischen Schnurre der Siebziger.

Vielleicht ist das alles eher der Hinweis darauf als die Konsequenz davon, daß ABBA P o p sind und nichts anders, aber sich damit abfinden, in einer so ernsten und auf das Image bedachten Welt wie der des seriösen Pop-Hörers ist fast unmöglich. Ein allzu leichtes Gegenbild vom individuell-eklektischen Hörer zeichnet sich ab, der ABBA schon allein deshalb gut finden kann, weil sie so ungeniert und fröhlich der Massenkultur frönen. Wir sind alle Pop, Baby! Unsinn.

Also, was sagen die Musiker? Ihnen können wir uns zuwenden, wenn wir eine Qualitätsgarantie abseits von einem so unzweifelhaft unmöglichen Image wollen (die hohe Schule der überzogenen Selbstironie wie sie in Schwulendiscos gepflegt wird, steigt freilich nur allzu gern auf schlechtes Makeup und Federboas ein - für sie ist ABBA ein gefundenes Fressen).
Ein paar Beispiele:

1. Gene Simmons (in einem Interview mit laut.de):
"In Wirklichkeit sind alle Menschen dreidimensional. Ich bin mir sicher, dass Leute, die sich in der Öffentlichkeit zu Rammstein bekennen, zuhause auch heimlich ABBA hören – weil es einfach gute Musik ist."
ein paar Zeilen später lobt er aber auch noch die Backstreet Boys ("cleveres Songwriting")? Geht das? Kann man das Ernst nehmen? Überhaupt, ist der Bassist von KISS eine glaubwürdige Referenz?

2. Kurt Cobain
Man sagt er mochte ABBA; er engagierte jedenfalls "Björn Again", eine bekannte Tribute-Band als Vorband für Nirvana. Klingt nicht schlecht, hm? (Anm: falls jemand direkte Zitate Cobains kennt, bitte ich um Mitteilung).

3. Pete Townsend

Nannte "S.O.S." immerhin wiederholt die "Beste Popsingle aller Zeiten". Aber ist er nicht seit spätestens 1972 taub? (Es gibt irgendwo einen anderen Beleg als den hier, aber mein Gedächtnis läßt mich im Stich.)

4. Elvis Costello

Der schreibt in den Linernotes zu "Armed Forces" (2002 Deluxe Ed.) immerhin:
Our musical navigation came from the handful of albums about which we could all agree, records to which we listened with a disturbing and almost ritualistic frequency. These included Station To Station, Low, and Heroes by David Bowie [...] The Idiot and Lust For Life by Iggy Pop, Autobahn by Kraftwerk and several early compilations by ABBA - including the Swedish language versions that we contrarily swore were superior to the U.K. releases.
Später spricht er noch von einem "no small debt to ABBA's "Dancing Queen"" im Zusammenhang mit "Oliver's Army". Aber Costello, der alles vom Streichquartett über die Jazz Bigband bis hin zur Kollaboration mit Paul McCartney ausprobiert hat, ist wohl auch keine endgültige Autorität.

5. - jetzt kommt's -
ABBA’s earlier glam-pop had been highly appreciated by leading punk names such as Joey Ramone, Joe Strummer of The Clash and The Sex Pistols’ Glen Matlock – the latter even finding inspiration for his ‘Pretty Vacant’ guitar riff in ‘SOS’
So schreibt Carl Magnus Palm in den Liner Notes zu "ABBA - The Album" (Deluxe Edition), nachzulesen hier
Dazu kommen Bono, Chrissie Hynde usw usf., die alle positiv von ABBA sprechen, Madonna und die Fugees, die als einzige die Erlaubnis bekommen, ABBA zu samplen ("Gimme! Gimme! Gimme!" und "The Name of the Game"). Aber ein Sample ist schnell gefunden und ein paar zentrale Figuren des Punkrock ohne Quellen im Kontext von ABBA-Linernotes zu zitieren ist wohl kaum objektiv. Abgelehnt.

Eine schöne Liste, aber zwecklos. Ich habe versucht, ohne Argumente zu argumentieren, jetzt wird es ernst. Ich gebe zu, ich mag ABBA. Nicht alles natürlich, aber mehr als die zwei drei (acht neun?) bekanntesten Singles allemal. Interessanterweise gibt es kein ganzes Album der Band, das man sich (lies: ich mir) ohne hie und da etwas peinlich berührt zu sein am Stück anhören kann. Gleichzeitig aber kann man diese nicht ohne weiteres abtun. Faszinierende Songs sind auch abseits der Singles zu finden. Betrachten wir also den Katalog ABBAs (ich habe praktisch alles bis auf "Ring Ring" und "Waterloo" zur Hand).

I: Die Texte


Auf diesem Blog gab es einst eine Top5 der schlechtesten Abba-Songzeilen. [*] Kurz darauf einen Beleg, wie wenig ernst die Texte bisweilen in der Band genommen wurden. Aber die Texte wurden auch umgearbeitet, sogar völlig umgekrempelt (wir lesen in
den Arrival-Linernotes, daß "Money, Money, Money" fast "Gypsy Girl" geheißen hätte). Man hat vielleicht den Eindruck, daß es durchaus wirklich gute Songzeilen, oder gar -texte bei ABBA gibt, aber eine Suche beim Lesen der Lyrics führt nicht weit. Weniger wegen der zweifelhaften Grammatik und Idiomatik (daß Manager Stig Andersson Mitte der 70er aufgehört hat, Texte zu schreiben wirkte sich allerdings eher positiv aus) - als wegen eines generellen Mangels an sprachlicher Subtilität: seltsam gefühllose Phrasen ("But I know I don't possess you | So go away, God bless you", aus "My Love, My Life"), Melodrama ("Walking through an
empty house, tears in my eyes [...] In these old familiar rooms children would play | Now there's only emptiness, nothing to say", aus "Knowing Me, Knowing You"), sentimentales Gewäsch ("There's a special love | Like an eagle flying with a dove" in "That's Me"), und endlose Platitüden ("The city's a jungle, you better take care" aus "Tiger"). All diese Beispiele stammen von Songs auf Arrival.

Nur selten werden die Texte spezifisch und nachvollziehbar. Die Zeile "I was sick and tired of everything | when I called you last night from Glasgow" (wohl wegen des Reims mit "last show", aber immerhin) allein etwa gibt "Super Trouper" eine zusätzliche Dimension, die die Vorgänge um vieles glaubwürdiger macht.
Natürlich, man weiß, wovon ABBA singen, unter all der Tollpatschigkeit des Ausdrucks gibt es erahnbare emotional nachvollziehbare Geschichten und Gefühlszustände. Aber das ist nicht das Maß für Songtexte. Wenigstens nicht für mich. Tatsächlich scheint mir dies einer der wesentlichen Gründe dafür zu sein, abgesehen von catchy Melodien und Hooks, daß ABBA so überaus erfolgreich sind. Die breite Masse will ihre Kunst selten allzu kunstvoll.
Aber die wahre Wirkung der Texte entfaltet sich wohl erst in Verbindung mit der Musik selbst - dazu später mehr.

Wenngleich man ABBA den Punkt zugestehen muß, daß viele ihrer Songtitel sehr einprägsam und oft auch suggestiv sind ("Knowing Me, Knowing You", "Does Your Mother Know", "Chiquitita", "Like An Angel Passing Through My Room", "Take A Chance On Me", "The Name of The Game", "The Winner Takes It All"), gibt es doch mindestens ebenso viele die sich kopfüber in einen dunklen Abgrund stürzen: "Put On Your White Sombrero", "Bang-A-Boomerang", "Dum Dum Diddle", "When I Kissed The Teacher", "Hey, Hey Helen", "Lovers (Live A Little Longer)".
Zuletzt - wenn ich mich entscheiden müßte: mein Lieblingstext von ABBA ist sicherlich der von "S.O.S", die beste Zeile vielleicht "Soldiers write the songs that soldiers sing" ("Soldiers"), die charmanteste wohl aus "Thank You For The Music": "Mother said I was a dancer before I could walk."


II: Die Musik


--- natürlich der um vieles interessantere Teil; aus Zeitgründen allerdings erst in einigen Tagen online.

[*] Ich bin nach wie vor mit meiner Selektion einverstanden, auch wenn ich die Beschreibung aus "Lay All Your Love On Me", wie der Mann die Erzählerin herumkriegt einfügen würde: "It was like shooting a sitting duck" (!)

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